Wir waren mit der Oceanis 40.1 ("Lioba II") im Juli und August 2021 zu zweit unterwegs und konten das Schiff bei einer Kattegat-Runde in die westschwedischen Schären (Tjörn/Orust, Göteborg, Anholt, Samsö, etc.) sehr gut kennenlernen.
Die Lioba II ist sehr gut, nahezu luxuriös, ausgestattet. Der/die Eigner*in hat hier alles getan, damit einem tollen Törn und Aufenthalt an Bord nichts im Wege steht - danke dafür! Das Charterzentrum-Team war auch wie immer "1. Klasse", auch dafür Danke!
Unsere individuelle Bewertung spielt sich also auf einem sehr hohen Niveau ab, ggf. sind nicht alle Punkte für andere Crews relevant.
Oceanis 40.1:
Die Formen sind (für unser Auge) weniger gefällig/schiffig als bei anderen Modellen. Für uns sieht das Schiff von weitem eher aus wie ein Wohnwagen. Der Kompromiss ist klar: Es soll viel Platz unter Deck geben, dafür ist alles eckig und breit. Das Ziel "Platz" wird deutlich erreicht, die modernen Formen muss man mögen. Die Breite des Bootes fällt am meisten auf: 4,2 Meter bei 12,8 Meter Länge. Gerade die Heckpartie wirkt sehr wuchtig. Erfahrungsgemäß nicht unbedingt für die Boxen kleiner dänischer/schwedischer Häfen geeignet. In der dänischen Südsee sollten trotz des geringen Tiefgangs eher größere Häfen angelaufen werden, falls man nicht längsseits gehen kann oder ankert.
Segeln:
Das Boot braucht nach unserer Erfahrung schon etwas Wind, um in die Gänge zu kommen. Unter Windstärke 3 Bft kann man die Segel getrost unten lassen und sich auf die Maschine verlassen (der Yanmar bringt bei ~2300 Umdrehungen knapp 7 Knoten; ohne Strom und Wind; Kontrolle Öl-Stand von Steuerbord-Achterkabine aus). Ab mindestens 7 Knoten Wind macht es dann aber Spaß, auf Am- oder Halbwindkursen kommt man gut voran: 6kn Fahrt ab 10kn Wind, über 8kn Fahrt ab 15kn Wind. Bei Raum-/Rückenwind dürfen es schon gerne 4-5 Bft sein, um mit Genau und Groß in Fahrt zu kommen. Oder vorher mit dem kostenlosen Genaker, der sehr gut am festen Bugspriet gefahren werden kann! Das Boot lässt sich aufgrund der zwei Ruderblätter auch bei Lage sehr direkt steuern und hat auf uns seglerisch insgesamt einen guten Eindruck gemacht.
Etwas nervig war die Rollgroßanlage, die beim Segel setzen bzw. Ausziehen in der Trommel Überläufer der Reffleine produziert hat. Auch verschiedenste Variationen des Anstellwinkels des Großbaums (Niederholer/Dirk/Schot) konnten dies zumeist nicht verhindern. Wir konnten die Ursache nicht finden und sind uns nicht sicher, ob es eher ein Anwendungsfehler, ein bauliches Problem oder eine Kombination daraus war. Fragt bei Charter am besten direkt am Stützpunkt nach, wie hier die ideale Lösung ist, damit ihr dieses Problem nicht bekommt.
Unser Workaround: Reffleine am Mast beim Segelsetzen händisch in die Trommel führen, dann klappt es. Das Segel-Bergen klappte stets reibungslos. Insgesamt leider störend, da wir nicht in allen Momenten zum Mast wollten - denn: wofür dann eine Rollgroßanlage?
Manövrieren:
Tja, die ewige Diskussion um Doppelruderblätter, die bei den neuen, breiten Bootsdesigns eben obligatorisch werden. Beim Segeln kein Problem. Aber: Bei Hafenmanövern muss man schon relativ schnell fahren, um eine Ruderwirkung zu erzielen. Bei kleinen Häfen, die man nicht kennt, ist meistens nicht ideal. Da wir eine 2-Personen-Crew sind, nutzen wir gerne Manöver wie "Drehen am Teller" (durch Anströmen des Ruderblatts bei hoher Drehzahl, während das Boot keine Fahrt durchs Wasser macht) oder "Eindampfen in die Vorspring"; klappt beides nicht, da die Ruderblätter nicht direkt von der Schraube angeströmt werden und das Ruder eben nur bei Fahrt durchs Wasser reagiert.
Das Bugstrahlruder hilft bei mehr Wind nicht ausreichend, ein Heckstrahlruder gibt es nicht; bei Seitenwind treibt man stark seitwärts - vermutlich auch etwas begünstig durch den verkürzten Kiel.
Kurz: Wer das Manövrieren mit Yachten mit nur einem Ruderblatt gewohnt ist, muss hier umdenken und wird bei etwas mehr Wind vermutlich die eine oder andere unangenehme Situation erleben. Für unsere 2er Crew tendenziell ungeeignet, da wir in uns unbekannte Häfen eben langsam fahren wollen; was die Manövrierbarkeit stark herabsetzt. Die Oceanis ist in unseren Augen ein Boot für Ankerbuchten und große Häfen, aber nichts für kleine dänische/schwedische Häfen! Viele Hände an Deck machen es besser (Leinen/Fender), lösen das Problem vermutlich aber nicht.
Leben an Deck:
Hier spielt das Schiff seine Stärken aus. Sehr großes Cockpit mit großem Tisch (Kühlbox, Lampe, etc. - Rettungsinsel ist auch im Tisch), sehr große Badeplattform (mit Außendusche). Cockpitbänke eignen sich auch zum ausgestreckten Sonnenbaden. Prädestiniert fürs Ankern (Die Ankerwinde mit Fernbedienung funktioniert sehr gut. Achtung: funktioniert nur dann, wenn der Motor läuft; eine zusätzliche Sicherung gibt es nicht) und für Badestopps. 6 Personen finden hier bestens Platz, beim Segeln, Baden/Angeln, Essen im Cockpit und beim Sundowner! Gemütlich mit Teak.
Tipp: Wir hatten ein wasserfestes Sonnensegel mit 4x6 Meter dabei (im Internet für rund 25 EUR), die wir mit elastischen Befestigungsgurten z.B. über den Großbaum zu den Seiten und nach hinten gespannt haben. Schützt vor Sonne/Regen und ist ein günstiger und einfacher Ersatz für Bimini/Kuchenbude (wenn nicht in Fahrt). Das Cockpit bleibt so (wenn nicht in Fahrt) auch bei einem Regenschauer trocken und als Wohnraum nutzbar.
Das Deck ist vorm Sprayhood so geräumig, dass sich dort problemlos ein Dingi in aufgebautem Zustand stauen lässt. Wir haben es so 4 Wochen mitgenommen und konnten es mit dem Spi-Fall in wenigen Minuten wassern und einsatzbereit machen.
Leben unter Deck:
Auch hier ist die Yacht in ihrer Paradedisziplin, denn es gibt einfach sehr viel Platz. Für 2 bis 4 Personen ist es luxuriös, für 6 geht es auch noch, darüber wird es eng. Zudem gibt es zwei Nasszellen mit elektrischem WC und jeweils abgetrennten Duschen. Den Weg zur Yachthafen-Dusche erfährt hier eine echte Alternative (die zwei Wassertanks reichen auch eine Weile, Tank-Umschaltung vor der Treppe des Niedergangs). Insgesamt ist es durch die Rumpffenster relativ hell, alle Luken/Fenster können abgedunkelt werden. Das Lüften ist mit den vorhandenen Luken (insbesondere in den Achterkabinen) schwierig, aber es gibt Ventilatoren, die das etwas abfedern. Ansonsten: Gemütliche Sofas, TV, Radio, etc.
Die Bugkabine ist eine wahre „Eignersuite“ mit großen Bett (Koje wäre zu wenig), bei dem auch zwei Erwachsenes sich nicht in die Quere kommen. Die Heckkabinen wirken dagegen tendenziell eng, man stößt sich leicht den Kopf. Tolles Add-On: Das zubuchbare Bettzeug macht es sehr gemütlich!
Platz gibt es ansonsten genug, ebenso Stauraum (Schapps, Schränke, unter Bodenbrettern). Vorbildlich. Der Salontisch lässt sich in eine Doppelkoje verwandeln.
Die Küchenzeile bietet auch viel Platz und einen Kühlschrank mit Eisfach, Toploader und Tür.
Trotz der Größe des Schiffs, fällt die Stehhöhe eher gering aus. Angegeben sind 198cm, an vielen Stellen sind es eher maximal um die 190cm. Für ein Boot dieser Größe nicht besonders viel. Da ich 195cm groß bin, habe ich mir sehr oft den Kopf gestoßen, zumal Haltegriffe an der Decke in den Raum herabragen. Für Menschen bis 180cm Größe ist alles bestens, alle anderen mögen auf ihren Kopf achten.
Kritik - für uns negative Dinge:
- Rollgroßsegel (siehe oben)
- Manövrierbarkeit im Hafen (siehe oben)
- Relingspforten fehlen und machen das Übersteigen manchmal schwierig
- keine Bändsel/Tampen vorhanden (wird sicherlich noch nachgeliefert; zur Sicherheit eigene mitbringen).
- Wasserkocher riecht extrem nach Plastik (offenbar ein günstiges/asiatisches Fabrikat); das gekochte Wasser nimmt den Geruch/Geschmack an. Alternative: Wasserkessel auf der Gasflamme.
- Für Fans von Rührei: Es gibt keine beschichtete Pfanne, nur Edelstahl, was robust, aber schwieriger zu nutzen und zu reinigen ist (wir haben uns im Supermarkt für 20 EUR eine beschichtete Pfanne gekauft).
- AIS: Offenbar (noch) nicht installiert oder konfiguriert. Für uns störend, da wir diese Sicherheit bei Nachtfahrten oder schlechter Sicht gerne beim Queren von Schifffahrtswegen haben.
- Für Weinfans: Schapp mit Weingläsern vom TV verbaut; lässt sich nicht öffnen.
- Autopilot: Hat leider nur sehr unzuverlässig funktioniert. Offenbar stimmt an der Elektronik irgendetwas noch nicht ganz. Manchmal hat der Autopilot direkt zu Törnbeginn funktioniert, manchmal erst Stunden nach dem Start, manchmal gar nicht. Ein wahres Muster konnten wir nicht entdecken, ggf. hat es aber was mit Feuchtigkeit in der Elektronik zu tun. Prüft vor Törnbeginn unbedingt, ob der Autopilot funktioniert, damit Ihr im Notfall keine böse Überraschung erlebt. Wenn der Autopilot funktioniert hat, dann sehr gut, die Fernbedienung ist auch gut nutzbar.
Da wir das Schiff quasi auf seiner Jungfernfahrt genutzt haben, waren einige Dinge ggf. noch nicht komplett ausgestattet, einsatzbereit oder richtig konfiguriert. Das wird durch das Charterzentrum-Team sicherlich schnellstens behoben und stellt dann kein Problem mehr dar.
Als 2-Personen-Crew sind wir auf die reibungslose Funktionalität der Technik bzw. der elektronischen Hilfsmittel angewiesen (insbesondere auf langen Törns 10-12 Stunden). Daher war es für uns extrem störend, dass diese nicht wie gewünscht nutzbar waren. Leider hat das an vielen Tagen den Spaß zur Nichte gemacht.
Lange Rede kurz:
Die Lioba II ist ein sehr gut ausgestattetes Schiff und die Oceanis 40.1 an sich ein solides Boot mit viel Platz! Da uns einige Eigenschaften wichtig waren (die für uns als 2er-Crew das Segeln stressfrei und sicher machen), die dieses Boot für uns leider nicht erfüllen konnte, würden wir die Oceanis 40.1 nicht mehr chartern.
Zum Glück gibt es beim Charterzentrum ja eine große Auswahl. ;-)