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Hab mein Auto voll geladen…voll war es schon, als wir in Essen starteten und dabei waren wir erst fünf von acht. Wohin bloß mit dem Gepäck der anderen? Lösung: In Krefeld wurde das Auto noch einmal neu gepackt! Es war voll bis unters Dach, da passte kein Blatt mehr hinein und aller Stauraum unter den Sitzen war ausgefüllt. Dann waren wir komplett: Peter Wozniak (Skipper) Petra Reul, (Co Skipperin), Thomas Diehle (Smutje), Brigitte Eck, Dagmar Schmidt, Brigitte Otto-Lange, Christian Knaup (blinde und sehbehinderte Segler) und Norbert Rohne (Jungmatrose). Vom 07. bis zum 13.06.2008 wollten wir eine schöne Woche, auf einem schönen Schiff, auf der schönen Ostsee verbringen. Dass dieser Wunsch in Erfüllung ging, verdanken wir einer sehr großzügigen finanziellen Unterstützung des Segelvereins Bayer Uerdingen. An dieser Stelle herzliches Dankeschön und diesen kleinen Törnbericht als Einladung ein Stück mit uns zusammen zu fahren. Nach sechseinhalb Stunden kamen wir in Heiligenhafen an.
Die Stimmung war gut, die Lachmuskeln vorgewärmt und das Wetter zufriedenstellend. Peter und Petra kümmerten sich um die Formalitäten und checkten das Schiff. Das Gepäck wurde aus- und eingeladen, das Auto in die Garage gefahren und dann hieß es „Alle Mann an Bord“. Für mich ist es immer sehr spannend ein fremdes Schiff zu betreten, gilt es doch sich schnell zu Recht zu finden, die Ausmaße kennen zu lernen und sich anzuschauen, wo was ist. Unser Schiff, eine Bavaria 46 mit dem schönen Namen Laura machte einen guten ersten Eindruck. Ein großes Vorschiff, auf dem wir während des Törns so manchen Sonnenstrahl genossen, ein Heck, das allen Platz bot und ein großes Steuerrad, das fast die gesamte Breite einnahm. Zum ersten Mal bestieg ich eine Badeplattform und ließ die Beine baumeln. Unter Deck befanden sich vier Kabinen und zwei Toiletten. Eine gemütliche Kombüse und der Navitisch. Wie immer erschien mir die Koje winzig; war sie auch! Wohin bloß mit den ganzen Klamotten? Regal und Schrank wurden aufgeteilt, die Schlafsäcke ausgerollt und schon gab es die ersten Beulen. Ja, viel Platz zum Stehen war da wirklich nicht, aber wir wollten die Woche ja nicht unter Deck verbringen, sondern uns den Wind um die Nase wehen lassen.
Wir hatten mächtig viel eingekauft, aber dennoch blieben wir unserer Tradition treu und gingen am ersten Abend zum Essen an Land. Wie heißt das Sprichwort „Wer heiratet macht sich zum Affen“? Wir saßen gemütlich, auf einen Absacker, in einem Straßencafé, als eine Horde junger Männer mit viel Getöse den Platz überquerte. Einer von ihnen war in ein Affenkostüm gesteckt worden, der Bräutigam, wie wir später erfuhren. Sie hatten einen Bollerwagen dabei in dem sich viele kleine Fläschchen befanden. Für einen Euro, dieser sollte dem armen Bräutigam helfen die teure Hochzeitsfeier zu bestreiten, gab es ein Fläschchen, einen Spruch vom Zeremonienmeister und einen Kuss vom Affen, ach nein natürlich vom Bräutigam.
Am nächsten Morgen um 10.30 Uhr verließen wir, nach einem ausgiebigen Frühstück, Heiligenhafen. Unser erstes Ziel war Orth. Wir hatten nur wenig Wind und konnten uns so in Ruhe an das Schiff gewöhnen. Es verfügte über eine Rollfock und ein Rollgroß. Dadurch wurde eine Menge Kraft eingespart, gab einem aber dennoch das Gefühl auf einem Segelschiff zu sein und selbst zu zweit musste man schon ganz schön ziehen, um das Groß zu setzen. Peter erklärte uns die unterschiedlichen Funktionen der Leinen, damit es, wenn es einmal schnell gehen muss, auch schnell geht. Wie immer gab es natürlich auch eine Sorgleine, an der wir uns anpickten, wenn wir aufs Vorschiff gingen. Angetan mit einer Schwimmweste erkundeten wir das gesamte Schiff und alle Möglichkeiten sich anzupicken. Dies ist sehr wichtig, denn schon als sehender Segler ist es sicher nicht toll über Bord zu gehen, als blinder Segler stelle ich mir das noch weniger prickelnd vor. Sicherheit stand auch bei diesem Törn wieder an erster Stelle und wir hatten zu keiner Zeit das Gefühl, das es gefährlich wurde. Und da war es wieder, dieses tolle Gefühl, wenn der Motor ausgeschaltet wird und der Wind den Antrieb des Schiffes übernimmt. Viel Antrieb war da zugegebener Maßen nicht, wie gesagt, es war kaum Wind. Für Norbert, für den es die erste Fahrt auf einem Segelschiff war Grund genug, die Angel auszupacken, sich auf die Badeplattform zu setzen und zu angeln, nah ja, auch nicht wirklich, angebissen hat jedenfalls keiner. Da half es auch nichts, verschiedene Köder auszuprobieren. Vorsichtig griff ich einmal in den Koffer hinein. Schrecklich, wie spitz und scharf diese Haken sind. Gut, das ich kein Fisch bin! Damit wir ein bisschen nachvollziehen konnten, wohin unser Törn uns führen wird, hat Peter eine taktile Karte gebastelt. Sogar an die Punktschrift hat er gedacht. Tolle Arbeit! Schön wäre es natürlich, wenn wir zukünftig noch etwas mehr Kartenmaterial bekämen, das uns auch etwas von den Städten oder Inseln an denen wir entlang segeln, oder an Land gehen, erfahren könnten. Mit der neuen Technik, die es mittlerweile für die Erstellung von taktilem Kartenmaterial gibt und ein wenig finanzieller Unterstützung wäre da einiges möglich. Um 17.30 Uhr, wir hatten 13 sm hinter uns gelassen, legten wir in Orth an. Ein beschaulicher Ort! Nach einem guten Abendessen und nachdem das Schiff wieder klar gemacht war, erkundeten wir die Gegend. Da auch die Fußballeuropameisterschaft zu dieser Zeit lief, suchten wir uns ein Lokal, das es uns gestattete dem Spiel zu folgen und den ersten Sieg der deutschen Mannschaft gleich mitzuerleben. Schnell wurde noch eine Tippgemeinschaft gegründet und jeder, mit oder ohne Fußballerfahrung machte mit. Die kuriosesten Tipps kamen von Petra. Christian, der eher der Kategorie „keine Ahnung vom Fußball“ angehörte, gewann zu guter Letzt. Sehr schön war, aus Sicht der blinden Segler, dass es nah am Anleger eine Behindertennasszelle gab, die wir völlig alleine aufsuchen konnten.
In einem kleinen Interview, das ich zum Ende unseres Törns mit ein Paar Mitgliedern der Crew führte, stellte es sich als Punkt heraus, den zumindest 2 der Betroffenen als sehr wohltuend empfanden und sich wünschten, es wäre immer möglich bei der Auswahl der Anlegestelle darauf zu achten, das es möglich ist auch alleine die Toilette und Dusche aufzusuchen. Für niemanden der Sehenden war es ein Problem uns zu den Nasszellen zu helfen, aber dennoch bleibt da immer das Restgefühl, da muss nun jemand auf mich warten und es bedarf gar keiner Frage, das jeder Mensch gewisse Wege gerne alleine und in aller Ruhe macht und darin unterscheiden sich Blinde und sehende Menschen in keinster Weise. Am zweiten Segeltag sollte uns unsere Tour rund um Fehmarn führen und so warfen wir um 10.00 Uhr am nächsten Morgen die Leinen los. Jetzt war der Wind schon gut spürbar und wir kamen gut voran. Wer wollte genoss das schöne Wetter auf dem Vorschiff oder klönte mit den anderen, bis es wieder hieß „klar zur Wende“, da waren alle Mann dabei und nach dem die ersten Manöver noch sehr langsam ausgeführt wurden und Peter meinte, „das geht aber auch schneller“, war es dann auch so. Nachdem sich wieder jeder ans Segeln und das Timing der richtigen Tampen gewöhnt hat, ging es schon ganz schön flott. Ein schönes Gefühl war es auch, einmal wieder das Steuer zu übernehmen und für ein Stündchen den Kurs zu halten. Leider hatten wir dieses Mal kein akustisches System dabei, dass es uns ermöglichte selber herauszufinden ob man zu weit nach Backbord oder Steuerbord abgekommen ist. Für Petra war es die erste Fahrt mit blinden Seglern an Bord. Sie hatte schnell heraus, zu welcher Zeit sie welche Unterstützung geben musste. 32 sm legten wir an diesem Tag zurück und kamen um 19.15 Uhr im Jachthafen in Burgtiefe an. Es gab ein spätes Abendessen und danach wollten wir uns unbedingt noch die Beine vertreten. Natürlich sollte es auch noch einen Schlummertrunk geben, aber das war gar nicht so einfach. Alles war wie ausgestorben und keine Kneipe in Sicht die geöffnet hatte. Wir wollten es schon aufgeben als wir Licht am, - für uns an diesem Abend noch vorstellbaren Horizont - entdeckten. Eine Pommesbude hatte noch geöffnet. Eigentlich wollte die Inhaberin, eine „italienische Mama“, schon schließen, aber ein Geschäft, das ihr acht durstige Leute einbringen würde, wollte sie sich doch nicht entgehen lassen. Wir wählten einen Tisch auf der Terrasse aus und bestellten die erste Runde. Natürlich blieb es nicht bei einer! Die Seeluft macht echt durstig!
Alleine blieben wir auch nicht lange, denn nicht nur wir waren an diesem Abend auf der Suche, auch Jens suchte! Wenn auch nicht eine Kneipe sondern eine Fete. Nun ja, damit konnten wir nicht dienen, dafür aber mit Seemannsgarn, das an diesem Abend reichlich gesponnen wurde. Jens kam aus dem Ruhrgebiet, war eigentlich Friseur und nun Rettungsschwimmer. Logische Schlussfolgerung eigentlich oder? Er war sehr neugierig und wollte uns ausfragen, wollte wissen was wir denn so auf Fehmarn machen und wo wir herkämen und beruflich machten. Oh la la was hatten wir für Jobs. Wir waren Ornithologen, Gynäkologen, Biologen und logen, was das Zeug hielt. Einer von Jens Standardsprüchen war, jetzt fühle ich mich aber gemoppt. Ich glaube er hatte da ein kleines Problem. Ich hoffe, er hat uns nicht zu ernst genommen und unsere Schwindeleien nicht übel genommen. *Übrigens schon gewusst, dass z. B. die 46 bei der Bavaria bedeutet, dass 46 Personen an Bord passen. Bei der Vorstellung kriege ich jetzt noch Platzangst. Nun ja, nicht nur Jens war neugierig auch die italienische Mama. Als sie erfuhr, dass er Friseur war, rollte sie „rapunzelgleich“ ihr Haar herab und meinte da müsse man doch bestimmt einmal was dran tun. Stimmt, sagte Peter spontan. Nur gut, dass er sich gut aus jedem Schlammassel herausreden kann. Am 10.06. legten wir dann um 10.00 Uhr wieder ab und segelten nach dem Wind. Er war nun schon kräftiger und teilweise gab es auch schon Böen um 6. Es machte riesigen Spaß und wir verbrachten ein paar tolle Stunden auf dem Wasser. Auch an diesem Tag konnte ich wieder das Schiff steuern und es war schön durch die Wellen zu schaukeln. Besonders gefiel mir auf diesem Törn, dass unser Kurs vom Wind bestimmt wurde und es nicht darauf ankam, ein bestimmtes Etappenziel zu erreichen. Die Angel und auch Norbert durften heute nicht auf, bzw. über die Badeplattform. Norbert nahm stattdessen das Ruder in die Hand. Er war gar nicht mehr davon weg zu kriegen. Ich glaube, da wurde ein neuer Seebär geboren. An diesem Tag legten wir 23 Seemeilen zurück. Ecki und ich übernahmen es am Abend, unser Schiff beim Hafenmeister anzumelden.
Wir erwarben eine „Eintrittskarte“ der muss uns wohl für ganz bescheuert gehalten haben. Aber beim ersten Mal fallen einem eben nicht immer die richtigen Ausdrücke ein. Nun ja unser Schiff war angemeldet und gleich für den nächsten Tag mit, denn dieser Tag sollte Starkwind bringen und so beschlossen wir, einen Landtag zu genießen und uns die Insel einmal zu Fuß anzusehen. Bevor wir in unsere Kojen kletterten, gab es jedoch noch so manches zu tun. Wir besuchten die Karibikbar und probierten so manchen Cocktail. Ein wenig zugig war es in dieser Bar. Ringsherum bestand sie eigentlich nur aus Glaswänden und es sah beinahe so aus, als wären sie nur zusammengeklebt. Recht einfach war es und wie wir später erfuhren ein Surferdomizil.
Wir fielen einmal wieder auf, nicht etwa weil wir uns daneben benahmen, nein nein. Wir lachten so viel und wohl manchmal auch so laut, dass die Kellnerin uns einmal fragte, ob wir ein „Lachseminar“ auf Fehmarn besucht hätten. Brauchen wir nicht! Wir lachen immer so! Der Abend war aber noch lange nicht vorbei. Wir hatten ein Geburtstagskind an Bord und um Mitternacht gab es natürlich auch ein zünftiges Geburtstagsständchen. Der Daggi ihr Norbert hatte Geburtstag und wir konnten Peters Musik endlich einmal übertönen. Ganz schön schräges deutsch nicht wahr. So etwas fällt einem nur auf See ein und wenn die Crew so lustig ist, wie die unsrige. … Den 11. Juni verbrachten wir, wegen des starken Windes in Burg. Ein sehr beschaulicher Ort mit vielen Geschäften, Lokalen und einem Wochenmarkt. Beim Gang an der Wasserkante entlang konnten wir eine Möwe beobachten, die sich ins Wasser stürzte und, man höre und staune, einen Fisch im Schnabel hatte. - Doch nicht leer gefischt die Ostsee! - Tja Norbert vielleicht solltest Du deine Angeltechnik einmal überdenken. Ein mutiger Sprung ins Wasser und schon hat man einen Fisch gefangen!
In Burg suchten wir zuerst einmal eine Fischbude auf und genossen den leckeren Matjes. Danach gab es dann ein kühles Bier und nach dem wir eine Weile herumgeschlendert waren gab es dann Kaffee und Kuchen. Hört sich schlimm an diese Reihenfolge, war es aber gar nicht. Peter zeigte mir in einem Café eine Ausstellung des Malers Richter. Er erklärte mir die Bilder so plastisch, das es mir keine Mühe bereitete sie mir vorzustellen. Auf dem Wochenmarkt kauften wir dann noch Kartoffeln und Erdbeeren. Für unser Abendessen. Das war eine ganz schöne Schlepperei. So ruhig es an Land war, desto heftiger war es auf dem Schiff. In dieser Nacht wurden wir ganz ordentlich herumgeschaukelt. Irgendwie war es aber doch ganz schön so durch die Nacht gewogen zu werden. Am 12.06. verließen wir um 12.00 Uhr Burgtiefe und kreuzten 26 Seemeilen bis Heiligenhafen. Jeder wollte noch einmal ans Steuer und jeder genoss den letzten Tag auf See. Am nächsten Tag hieß es dann wieder alles einpacken, sowohl in den Rucksack als auch ins Auto. Wie schön, das wir dieses Mal nicht schrubben und putzen mussten. Ich bewaffnete mich mit einem Aufnahmegerät und befragte einige Crewmitglieder über ihre Empfindungen bei diesem Törn. Da war z.B. meine Frage: Ist es eine höhere Verantwortung mit einer Crew zu fahren, die zur Hälfte mit sehbehinderten oder blinden Seglern kombiniert ist? Die Verantwortung ist so, wie bei Neulingen. Man gibt mehr Acht aufeinander. Merkt an der Umsetzung der Anweisungen sehr schnell, ob sie ausreichend und gut erklärt sind. Man sieht sehr schnell, wer was kann und was man einem jeden zutrauen kann und schon bald ist das Gefühl der besonderen Verantwortung nicht mehr da und der Unterschied zu einer Crew, die nur aus Sehenden besteht, wird sehr gering. Man sieht die Umgebung intensiver, weil man so viel, wie möglich weitergeben möchte, was man selber sieht. Wie sicher fühlst Du Dich als nicht sehendes Crewmitglied an Bord? Es gab zu keiner Zeit das Gefühl von Unsicherheit, Angst oder Beklemmung. Ich kann mich an Bord entspannen und weiß, dass auch meine Hilfe gebraucht wird. „Was macht für Dich den besonderen Reiz des Segelns aus?“ „Es ist immer ein Hauch von Abenteuer dabei und jeder Törn ist auf seine Art spannend und neu“. Das sahen wir alle so und es macht immer wieder Spaß sich auf ein solches Abenteuer einzulassen. Wir hoffen, dass es bald wieder so weit ist und es heißt: „Alle Mann an Bord“ |
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