Das sagt die "yacht" zur Hanse 400
Testbericht der "yacht" der Hanse 400

Abschrift des Test der Hanse 400 .
Link zum Original-Artikel am Ende dieser Seite
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Eine Werft erfindet sich neu.
Hanseyachts aus Greifswald hat es nicht nur geschafft, das Billigheimer-Image abzulegen, sondern präsentiert mit der derzeitigen dritten Generation Schiffe, die für einen neuen, frischen und eigenen Stil stehen. Und das muss man in dem diversifizierten, vermeintlich nischenfreien Markt der Werftenbranche erst mal leisten. Fest steht: Hanseyachts aus Greifswald haben einen extrem guten Lauf. 85 verkaufte Boote auf nur einer Messe - und das immerhin während des Salon Nautique in Paris, wo die übermächtige Konkurrenz aus Frankreich traditionell besonders stark ist. Lieferfristen von bis zu einem Jahr. Anerkennung und Respekt allerorten. Und dann gewinnt auch noch die Hanse 400 den begehrten Titel Europäische Yacht des Jahres (s. YACHT 3/06). Was ist dran am Aufschwung Ost? Die Preisträgerin zeigt, was für die erneuerte Produktpalette typisch ist. Der Betrachter registriert ein voluminöses Schiff mit kräftigem Heck und hohem Rigg, dessen Vorsegel als Selbstwendefock ausgeführt wurde. Damit ist schon die Zielgruppe klar: Fahrtensegler, die eine komfortable, moderne Yacht suchen, die viel Platz bietet und dennoch ordentlich segelt. Die Gestaltung des lang nach vorn durchgezogenen Aufbaus mit eingelassener Teakleiste erinnert immer noch an die älteren Hansemodelle - und dennoch steht auch die Hanse 400 für einen Neuanfang. Zeigten die Hanses früher noch retrostylistische Elemente, sind sie jetzt durch und durch moderne Yachten. Das werftinterne Designteam und die Konstrukteure von JudelNrolijk & Co. haben es dabei geschafft, einen eigenen, unverwechselbaren modernen, aber nicht allzu nüchternen Stil zu kreieren. Aus bestimmten Perspektiven wirkt die Yacht hochbordig; ein Umstand, der sich durch die Wahl einer dunkleren Rumpffarbe sowie einen erhöhten Wasserpass optisch kaschieren ließe. Dabei könnte man das Heck partiell farbig gestalten und so die große Fläche brechen. Indessen: Es gibt handfestere Alleinstellungsmerkmale der Hanse 400, die sich gänzlich geschmäcklerisch -subjektiver Betrachtungsweise entziehen. Nämlich Ausbauvarianten, Layouts, Bauweise, Bedienung, Segeleigenschaften - und Preis. Der, einst einziges herausragendes Charakteristikum der Schiffe aus dem Osten, ist immer noch günstig. Bavaria kann unterbieten, Harmony/Poncin je nach Ausstattung ebenfalls. Alles andere kommt teurer, egal ob Beneteau, Jeanneau oder Elan. Die Hanse 400 wird im Grundpreis mit 130964 Euro geführt. Ausgestattet mit dem per YACHT-Definition geschnürten Komfortpaket, liegt sie bei 151 804 Euro. Das ist günstig.

Individualität statt Konformität
Weiteres großes Plus sind die Ausbauvarianten. Der Kunde wählt zunächst zwischen hellem und dunklerem Holz (Aufpreis). Weitaus mehr Varianz bieten die diversen Module, die sich größtenteils kombinieren lassen. Es gibt eine lange oder eine kürzere Pantry, zwei oder drei Kabinen, ein oder zwei Toiletten, Sofa oder Dinette für die zweite Sitzgruppe, verschiedene Formen der Vorschiffskoje und die Option Schreibtisch statt zweitem Schrank. Das ist partiell aufpreispflichtig, die Kosten bleiben aber im Rahmen. So wird aus der riesigen Backskiste eine zweite Heckkabine für rund 1100 Euro. Sofa statt Dinette wird für knapp 1000 Euro eingebaut. Dann jedoch fällt der Navigationstisch weg, da der Dinettetisch auch für die Kartenarbeit vorgesehen ist. Zur großen Modulvielfalt kommen neben dem Standard-Weiß vier optionale Rumpffarben. Und 38 mögliche Polsterstoffe. Damit ist der Kunstgriff gelungen, Serienschiffe mit individueller Anmutung anbieten zu können. Auch unter Deck ist die Hanse von einem eigenen Stil geprägt. Es ist die Dominanz des rechten Winkels, die ins Auge fällt. Die Einbauten folgen nicht den Rumpflinien, sondern sind parallel angeordnet. Damit ergeben sich stark unterschiedliche Raumtiefen in den Schapps - angesichts der großen Rumpfbreite kein Nachteil. Auffällig am Layout ist auch die deutliche Trennung zwischen den Serviceräumen Pantry und Bad neben dem Niedergang und dem Wohnraum davor. Die Nasszelle bietet einen separaten Duschraum guter Größe. Der ragt naturgemäß in den Durchgang zum Salon, was bei diesem derart voluminösen Schiff nicht negativ, sprich beengend wirken kann. Im Gegenteil: Der breite, hohe Rumpf generiert ein geradezu kathedralhaftes Raumgefühl. Zumindest im Vergleich zum marktüblichen Angebot. Das Volumen beschert Komfort auch in anderen Teilbereichen. Die Stehhöhen sind enorm; sie variieren von 1,94 bis 2,08 Metern in den Kabinen. Selbst in der Dusche sind es noch 1,86 Meter. Des Weiteren sind die Kojen mindestens 2,00 Meter lang. Die Achterkammer bietet eine Schlafstätte mit der satten Schulterbreiten von 1,70 Metern. Und: In dieser Version ließe sich die Backskiste nachträglich zur Kammer umrüsten, was ein Plus beim Weiterverkauf sein kann. Außerdem lässt sich der Stauraum mit einer Matratze als Behelfsquartier ausstatten. Oder man nutzt ihn für den Einbau weiterer Aggregate wie Generator, Wassermacher und dergleichen. Diese Installationen kann die neu gegründete werftinterne Werkstatt für individuelle Kundenwünsche ausführen, die jedwede Änderungen und Optimierungen der Standard schiffe ermöglichen soll. In der Dreikabinen-Version sind die Kammern symmetrisch; dort fallen einige Zentimeter an Schulterbreite weg, was aber verschmerzbar sein dürfte. In der Pantry gefällt der ebenfalls voluminöse Kühlschrank. Der schluckt 110 Liter und ist sowohl von oben als auch von seitlich unten - dort durch eine schöne, weil gewölbte und mit Edelstahl beschichtete Tür - zugänglich. Weitere Details, die Freude spenden: Die Navigationsinstrumente verschwinden hinter Milchglas. Kräftige Magnetschnäpper halten die Türen. Es gibt 230- Volt-Steckdosen in den Kabinen. Der Salontisch ist höhenverstellbar, womit er sich den individuellen Bedürfnissen anpassen lässt.

Epoxidharz statt Polyester
Das Schiff ist jedoch nicht perfekt. Für das große Gesamtvolumen geriet der Deckel der Backskiste zu klein. Zwar könnte man ein ungefaltetes, voll montiertes 28er-Fahrrad problemfrei aufstellen, bekäme dieses aber nicht durch die Öffnung. Und es finden sich schon mal ungebrochene Holzkanten, topcoatfreie Laminatbereiche und unschöne Spaltmaße. Die Begutachtung eines zweiten Testschiffs zeigte jedoch, dass die Werft diese Dinge erkannt hat und auch in Sachen Finish auf dem richtigen Weg ist. Wünschenswert wären jedoch noch weitere Änderungen. Die Schlingerleisten auf den Oberschränken sind zu flach. In einigen Schränken gibt es sie überhaupt nicht; Staugut würde einem also bei Lage zumindest auf einem Bug entgegenpurzeln. Die Schränke werden durchlüftet, wenn man Mahagoni für den Innenraum und die entsprechende Unteroption mit per Peddigrohr gestalteten Türen wählt. In der anderen Variante sind die Türen komplett geschlossen; eine Durchlüftung findet nicht statt. Und ein Raum in der Pantry liegt hinter einer Abdeckung dauerhaft verschlossen, lässt sich also nicht nutzen. Indessen: Es gibt Bereiche, die mehr über die Güte eines Bootes aussagen. Die Bauweise und -qualität, wenn auch schwerer zu erfassen, ist immerhin ausschlaggebend für die Sicherheit, Langlebigkeit und den Wiederverkaufswert. Hanseyachts hat auch in diesem Punkt ein Plus erarbeitet, das bislang im Großserienbau einmalig ist. Das Schiff wird optional mit Epoxid anstelle von Polyester gebaut. Das Hochleistungsharz ist zwar teurer - 5 bis 18 Euro pro Kilogramm gegenüber 1 Euro für das Standardharz - und aufwändiger zu verarbeiten. Aber es bietet auch viele Vorteile: Das Schiff kann keine Osmose bekommen. Dies wäre so, als würde ein Kunststoff-Pkw rosten. Aus dieser Überlegung heraus gewährt denn Hanseyachts auch keine spezielle Osmose- Garantie für die Epoxid-Variante. Weiterhin ist Epoxid dehnbarer, somit wird erst die Faser und dann das Harz belastet. Es spart Gewicht; im Fall der Hanse sind es immerhin 300 Kilogramm. Der Rumpf wird steifer und fester; das resultiert in einer weiteren Leistungssteigerung.

Detailarbeit statt Simpellösungen
So zeigte sich die Hanse 400 beim Test als überaus agil. 5,4 Knoten Speed an der Kreuz bei rund 8 Knoten Wind (3 Beaufort) sind sehr ordentlich. Der Wendewinkellag bei 95 Grad, was für ein Fahrtenschiff hinnehmbar ist. Die Segelleistungen sind mit einer besseren Garderobe sicher noch optimierbar. Wobei die Standardtücher von North Sails für Seriensegel einen passablen Eindruck hinterließen. Mehr Druck ließe sich bei wenig Wind durch die optionale Genua erzeugen. Hübsch: Schienen und Genuawinschen sind bereits montiert. Neben Preis, Vielfalt und Bauweise ist die gesamte Bedienung ein weiteres Plus des Bootes. Sehr gelungen ist beispielsweise die Steuerung. Der niederländische Hersteller Jefa hat mit Hanse zusammen eine Schubstangensteuerung entwickelt, die perfekt leicht und direkt genug läuft. 1,8 Umdrehungen sind von Anschlag zu Anschlag nötig. Mit einer Höhe von 1,45 Metern vom Cockpitboden bis zu seiner Oberkante ist das Rad aber fast etwas zu hoch montiert. Das Schiff lässt sich feinfühlig steuern, wobei der Ruderdruck zumindest bei 3 Beaufort beinahe zu gering ausfällt. Die Sitz- und Stehpositionen am Rad gehen in Ordnung. Der Stevenbereich gefällt auch durch den nicht überstehenden zweigeteilten Bugkorb. Der macht optisch viel her und erlaubt eine einfache Passage. Jedoch verhakt sich die Fock zuweilen daran, wenn man vom Halbwind-Kurs an die Kreuz geht und dazu das Segel dichter schoten will. Ein oben zwischen den beiden Enden gespannter Stropp oder aber Rollen auf den Rohren könnten das Problem beseitigen. Hervorzuheben ist die Einhand-Bedienbarkeit: Ohne weitere Umlenkungen lassen sich Fock- und Großschot vom Kajütdach auf die Genuawinschen führen. Die stehen direkt vor dem Steuermann, der so perfekt allein manövrieren kann. Unter Motor lässt sich das Schiff problemfrei auch rückwärts dirigieren und vertreibt dabei nur sehr wenig. Die Schalldruckwerte bewegen sich unterhalb der Grenze zum lauten Bereich. Richtig klasse ist der klappbare Ankergalgen. Zwar kostet die Mimik zusammen mit der elektrischen Ankerwinsch 5196 Euro. Aber der formschöne Steven bleibt frei vom Haken. Der wird nur bei Bedarf ausgeklappt, was durch ein ausgeklügeltes System per Gasdruckfeder mit wenig Kraft vonstatten geht. In den Stevenbeschlag lässt sich eine kurze Blisternase stecken, was die Halsleine von der Rolltrommel freihält. Das Deck wirkt sauber und schier, die Luken sind flach, die Fallen laufen verdeckt in Kanälen nach achtern. Die Schiene der Selbstwendefock ist in die Form integriert. Dazu ist das Deck durch einen nicht übertrieben breiten Aufbau und weit innen liegende Wanten sehr gut begehbar. Diese Rigg-Geometrie verwundert fast, denn sie bedingt die bootsbauerisch aufwändigere Lösung. Immer verbreiteter sind daher lange Salinge und außen an der Deckskante oder am Rumpf angreifende Wanten, deren Lasten sich dort einfacher in das Schiff leiten lassen. Weiterhin erwähnenswert: Eine Scheuerleiste ist nicht serienmäßig im Angebot, und die Rollreffanlage verhält sich relativ schwergängig. Ansehen statt ignorieren Insgesamt: Hanseyachts hat mit der 400 ein formidables Paket geschnürt, das seiner Perfektion entgegenstrebt. Individualität und Performance, Preis und Leistung, Platz und Komfort stimmen. Es fällt schwer, dieses Boot nicht zu mögen, es sei denn, man steht traditionelleren Rissen näher. Jedenfalls: Wer sich für ein Schiff dieser Größe interessiert und sich die Hanse 400 nicht ansieht, handelt grob fahrlässig. Fridtjof Gunkel
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